Kunst, Musik und die Überwindung einer Suchterkrankung

Die persönliche Lebensgeschichte von Ellen Strobel

Ich heiße Ellen. 1961 bin ich in Nürnberg geboren und dort aufgewachsen. Meine Mutter war Hausfrau, mein Stiefvater Automechaniker. Ich hatte fünf Brüder um mich herum und war die zweitälteste. Daher übernahm ich früh Verantwortung: Meinen Eltern half ich bei der Erziehung der Kleinen und im Haushalt. Schule spielte eine untergeordnete Rolle. Das Wichtigste war, dass ich funktionierte. Es war immer etwas los bei uns. Die Ruhe suchte ich mir schon damals in der Malerei. Mit sechzehn Jahren fing ich an, Geld zu verdienen. Ohne Schulabschluss war das nicht einfach, aber ich konnte in der Firma unterkommen, in der meine Mutter einst gearbeitet hatte.

Der Anfang eines eigenen Lebensweges
Dort begann für mich ein neues Kapitel. Ich lernte Menschen kennen, die meine Künstlerseele erkannten – zum ersten Mal fühlte ich mich liebevoll aufgenommen, unterstützt und gefördert. Es war der Anfang eines eigenen Lebensweges. Ich bewarb mich an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg – ohne Abitur, aber mit dem Willen, Kunst zu meinem Leben zu machen. Ich wurde angenommen und studierte bis 1986 Malerei. Die Jahre in Hamburg waren intensiv, kreativ und voller Begegnungen. Ich stellte aus, war Teil einer Band, gründete später ein Kabarett-Duo und tourte mit eigenen Programmen durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. In München malte ich großformatig, mit Eitempera auf Leinwand. Später zog ich mit meiner damaligen Partnerin an die Ostsee. Als wir uns kennen lernten, spielte der Alkohol bereits eine größere Rolle. Wir haben ihn bei unseren regelmäßigen Treffen ganz gerne genossen. Als sie für dreieinhalb Monate nach Berlin ging, um an einem Drehbuchautorinnen-Seminar teilzunehmen, blieb ich alleine zurück. Ohne Kontakt zur Außenwelt. Da waren nur ich, meine zwei Katzen und die Malerei. Unmerklich schnell konsumierte ich immer mehr und regelmäßig Alkohol. Obwohl ich bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr keinen Tropfen getrunken hatte. Wir zogen wieder nach Bayern. Ich war in dieser Zeit sehr viel allein und trank weiter, bis ich 2018 den Entschluss fasste, zum Arzt zu gehen und um Hilfe zu bitten.

Wege aus der Sucht
Von da an schlug ich einen ganz anderen Weg ein. Ich zog nach Bad Tölz, wo eine Exfreundin wohnt, zu der ich trotz neuer Beziehung einen innigen Kontakt habe. Sie bot mir ein Zimmer in ihrer Wohnung an und half mir, zusammen mit ihrer Tochter, über eine Beratungsstelle der Caritas einen Therapieplatz zu finden. Dreieinhalb Monate Reha in Legau waren sehr gut, haben aber nur bedingt geholfen. Sehr schnell wurde ich rückfällig. Also wieder zur Caritas und neue Möglichkeiten suchen. Im Januar 2020 bekam ich einen Platz im Haus Waldherr, einer Besonderen Wohnform der Sozialen Teilhabe der Ordenswerke. Das war mein großes Glück. Zumindest auf die Dauer gesehen. Denn anfangs hatte ich extreme Schwierigkeiten, mich auf strenge Regeln und Maßnahmen einzulassen. Circa ein dreiviertel Jahr habe ich mich gegen das System gesträubt und war viermal knapp davor, das Haus Waldherr zu verlassen. Durch zahlreiche Gespräche mit Teamern sowie der Unterstützung meiner Freundin und ihrer Tochter habe ich es geschafft, den anstrengenden Weg weiterzugehen und mich auf die Therapie einzulassen. Seitdem lebe und arbeite ich hier - bin zufrieden und dankbar. Auch wenn es zwischendurch schwierige Zeiten gibt, in denen ich aber mit großem Vertrauen weiß, dass ich sie überwinden und meistern kann.

Das Haus Waldherr und meine Kunst
Zwischenzeitlich, im August 2023, zog ich aus, um wieder ein selbstständiges Leben zu führen. Es verschlug mich nach Kochel in ein betreutes Einzelwohnen. Es war leider mehr ein "Einsamwohnen". Die Einsamkeit hat mir dermaßen zugesetzt, dass ich es leider nicht geschafft habe, abstinent zu bleiben. Und etwas anderes als die Abstinenz kommt für mich nicht mehr in meine Tüte. Das sehr liebe Angebot der Mitarbeitenden des Hauses Waldherr, zurück kommen zu dürfen, sollte ich es nicht schaffen, habe ich nach kurzer Zeit dankend angenommen. Ich bin sehr froh, dass ich schnell entschieden habe, mein abstinentes Leben weiterzuführen.
Im Haus Waldherr habe ich die Möglichkeit, mit professioneller und sehr kompetenter Unterstützung an mir zu arbeiten und mich besser kennenzulernen. Und meine Malerei, die ich inzwischen sehr schätze, kann ich ausführlich praktizieren. In der Schreinerei habe ich die Brennpeter-Frästechnik auf Holz entwickelt. Das heißt, ich brenne mit einem Brenngerät ein Grundmotiv in Holz und wechsle dann mit dem Fräser, Farbe und Brennpeter den Arbeitsvorgang ab, bis das Bild fertig ist. Meine Bilder entwickeln sich, indem ich auf die vorangegangenen Arbeitsschritte reagiere. Somit weiß ich nie genau, was dabei herauskommt. Ich lasse mich gerne von mir selbst überraschen. Dabei ist immer das Grundmotiv wichtig, es muss mich anregen.
Ich möchte mich von ganzem Herzen bei allen bedanken, die mich auf meinem Weg begleiten, weil sie mich wertschätzen. Für mich ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen: Ich werde gesehen und geschätzt, und lerne vor allem, mich selbst zu sehen.

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Die Informationen zu Ihrem Nutzerverhalten gehen an unsere Partner zum Zwecke der Nutzung für Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die sie unabhängig von unserer Website von Ihnen erhalten oder gesammelt haben. Um diese Cookies zu nutzen, benötigen wir Ihre Einwilligung welche Sie uns mit Klick auf „Alle Cookies akzeptieren“ erteilen. Sie können Ihre erteilte Einwilligung (Art. 6 Abs. 1 a) DSGVO) jederzeit für die Zukunft widerrufen. Diesen Widerruf können Sie über die „Cookie-Einstellungen“ hier im Tool ausführen.