Seit zehn Jahren existiert in Haus Waldherr eine ganz besondere Projektgruppe: Bewohnerinnen, Bewohner und Mitarbeitende drehen gemeinsam Kurzfilme – mit Leidenschaft, Fantasie und jeder Menge Humor. Was einst als Experiment mit einer einfachen Digitalkamera und dem Windows Movie Maker begann, ist heute ein etabliertes und beliebtes Kreativprojekt. Jährlich entsteht mindestens ein neuer Film. Wer dabei ist, lernt schnell: Filmemachen kann ganz schön anstrengend sein – und gleichzeitig unglaublich heilsam. Florian Bahn-Mair begleitet die Filmgruppe als stellvertretender Einrichtungsleiter und hat uns einen Einblick in die vielseitigen Projekte gegeben.
Von der ersten Idee bis zur letzten Szene
Am Anfang steht immer die Idee – und die ist oft das Schwierigste. Da wir nicht in Hollywood drehen, müssen Drehbuch und Umsetzung zu unseren Möglichkeiten passen. Deshalb startet jedes Projekt mit der grundlegenden Frage: Was lässt sich mit unseren Menschen, unserer Umgebung und wenig Technik erzählen? So entstehen charmant verrückte Geschichten: Wenn ein Teilnehmer Italiener ist, wird daraus schon mal ein Mafiafilm. Eine Teilnehmerin nutzt einen Rollator? Wunderbar – sie wird unsere Ermittlerin mit Durchblick und Tempo auf vier Rädern. Ein klassisches Drehbuch gibt es nicht. Stattdessen bringen sich alle mit eigenen Worten und Ideen ein. Das sorgt für Authentizität – und erfordert volle Konzentration. Da nicht chronologisch gedreht wird, müssen alle jederzeit bereit sein, in ihre Rolle zu schlüpfen. Eine Unachtsamkeit? Kein Problem. Eine Wiederholung? Jederzeit! Das nimmt den Druck und schafft Raum für Spielfreude.
Schnitt, Musik, Gänsehaut
Sind alle Szenen im Kasten, beginnt die Fleißarbeit: Sichten, sortieren, schneiden, vertonen. Beim letzten Film drehten wir über 250 Clips! Am Ende entsteht aus der Idee, unserer Gemeinschaftsarbeit und einem kreativen Chaos ein Kurzfilm, auf den alle stolz sind – selbstverständlich mit Abspann, Musik und ganz viel Herzblut.
Stolz wie Oscar
In den vergangenen zehn Jahren glänzten in unseren Filmen 27 Bewohnerinnen und Bewohner in den verschiedensten Rollen: Acht Morde, vier Raubüberfälle, eine romantische Balkonszene, eine Verfolgungsjagd, eine alte Familienfehde und sogar die Heilung einer fiktiven psychischen Krankheit verewigten wir in Filmen. Das schönste Happy End spielt sich hinter der Kamera ab – dort, wo Menschen über sich hinauswachsen und stolz am Ende sagen können: Ich hab’s geschafft! Und das mit Recht: Stolz wie Oscar.
Neugierig geworden?
Dieser Link führt direkt in die Welt der Doppelagenten von Haus Waldherr:
VOM DREHBUCH ZUR EIGENEN STÄRKE
Wie die Filmgruppe im Haus Waldherr Menschen in ihrer Entwicklung unterstützt.
Filmemachen ist weit mehr als ein Freizeitprojekt. Es bietet Raum für Kreativität, Gemeinschaft, persönliche Weiterentwicklung – und unterstützt Menschen mit Suchterkrankungen auf vielfältige Weise:
Teamarbeit & Kommunikation: Alle arbeiten auf ein gemeinsames Ziel hin. Das stärkt Zusammenhalt, Offenheit und die Bereitschaft, eigene Befindlichkeiten zugunsten der Gruppe zurückzustellen.
Auseinandersetzung mit Lebensthemen: Viele Teilnehmende greifen persönliche Erlebnisse oder Konflikte in ihren Rollen auf – spielerisch und in sicherem Rahmen. So entstehen neue Perspektiven und ein anderes Erleben eigener Geschichten.
Gefühle (wieder) zulassen: Emotionen zu zeigen und zuzulassen, fällt oft schwer – vor der Kamera wird genau das geübt und erlaubt.
Selbstbild & Selbstbewusstsein: Wer sich im Film sieht, erlebt sich neu. Manche entdecken Mut zur Veränderung, andere finden mehr Akzeptanz für sich selbst.
Am Ende steht immer ein gemeinsames Erfolgserlebnis – und das gute Gefühl, etwas geschaffen zu haben, das bleibt.